Rücksicht statt Konfrontation!

In der „Super Sonntag“ vom 25.10.2015 gibt es einen umstrittenen Kommentar zum Radverkehr. Unsere Meinung dazu und zwei Leserbriefe, der uns zur Info geschickt wurde, finden Sie hier. 

Zunächst dokumentieren wir den Kommentar im Original:

Ein Lieblingsthema der „Ampel plus“ sind die Radfahrer. Da wird in Birkesdorf ein Fahrradstreifen eingeführt, in Niederau und Gürzenich werden Schutzstreifen eingerichtet und auch in der oberen Kölnstraße soll ein Fahrradweg bald das Radeln sicherer machen. Dabei konnte sich der ursprüngliche Gedanke der „Ampel plus“, der in der Kölnstraße einen beidseitigen Fahrradstreifen vorgesehen hatte in dieser Woche im Verkehrsausschuss nicht durchsetzen. Dies hätte zur Folge gehabt, dass zwischen Hohenzollernstraße und Kreisverkehr rund 20 Parkplätze weggefallen wären. Dagegen hatten sich vor allem die Geschäftsinhaber gewehrt, die mit Unterstützung der CDU-Mittelstandsvereinigung zahlreiche Unterschriften für einen Verbleib der Parkplätze gesammelt hatten. Der Fahrradweg wir nun auf der rechten Seite stadtauswärts angelegt. Stadteinwärts könnten die Fahrradfahrer aufgrund des Straßengefälles mit dem Verkehr „schwimmen“, so dass hier ein zweiter Fahrradstreifen nicht unbedingt notwendig sei, hieß es in dem Kompromiss, der vom Stadtrat noch bestätigt werden muss.

Sicherlich ist es schön, sich um die Sicherheit der Radfahrer zu kümmern. Auch der Gedanke, mit zusätzlichen Warnschildern an gefährlichen Kreuzungen Unfälle mit LKWs zu verhindern, ist durchaus positiv. Allerdings könnten die Fahrradfahrer auch selbst etwas für ihre Sicherheit und die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer tun.

Es ist ein Unding der Fahrradfahrer, zum Beispiel am Kaiserplatz und in der Weierstraße permanent gegen die Einbahnstraße zu fahren. Eine noch größere Unsitte ist es, statt gegen die Einbahnstraße zu fahren mit hohem Tempo über die Gehwege zu rasen und damit Fußgänger und vor allem kleine Kinder zu gefährden. Ebenso muss man sich nicht an jedem aus der Parklücke rückwärts ausparkendem Fahrzeug mit aller Macht noch vorbei drängeln oder noch schnell an einem auf eine frei werdende Parklücke wartenden und rechts blinkenden PKW rücksichtlos rechts vorbeiquetschen. Auch Radler sollten die Grundregeln des Straßenverkehrs beherzigen und Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer nehmen. Vielleicht sollte die „Ampel plus“ einmal einen Knigge für Fahrradfahrer erstellen und diesen dann bei verkehrswidrigem Verhalten an den entsprechenden Stellen mit einem gehörigen Bußgeld verteilen lassen. Achim Schiffer

 

Wir meinen: Es ist wenig hilfreich, wenn hier der Eindruck erweckt wird, die AmpelPlus-Koalition wäre für das Fehlverhalten Einzelner verantwortlich, bzw. müsse dies mit Maßnahmen bekämpfen.
Tatsache ist, dass wir Grüne seit Jahren dafür werben, dass alle Verkehrsteilnehmer Rücksicht aufeinander nehmen und dass wir dazu auch gerne Informations – Kommunikationskampagnen eingesetzt hätten. Beim Luftreinhalteplan, beim Lärmaktionsplan und bei anderen Gelegenheiten haben wir dies vorgebracht.  Weder die damals regierende CDU noch die Stadtverwaltung haben diese Anregungen aufgegriffen.

Richtig ist, dass es bei allen Verkehrsarten Fehlverhalten Einzelner gibt. Fußgänger laufen teils bei rot über die Ampeln, Radfahrer fahren teils ohne Licht oder gegen Einbahnstraßen, die nicht freigegeben sind und AutofahrerInnen machen auch viele Verkehrsverstöße. Alleine gestern hat der Verfasser dieser Zeilen rund 10 Vorfälle erlebt! Eine Lösung kann es nicht sein, wenn man schlechte Infrastruktur und fehlende Information sowie fehlende Kontrollen den Radfahrerinnen und Radfahrern allgemein oder gar der AmpelPlus – Koalition anlasten will.

Richtig ist, wenn alle Beteiligten, also Politik, Verwaltungen, Polizei, Initiativen gemeinsam für eine gute Infrastruktur sorgen, die Regeln kommunizieren und dann die Einhaltung kontrollieren! Genau dies macht die AmpelPlus im Rahmen der Möglichkeiten seit einem Jahr und die Beschlüsse für Schutzstreifen sowie eine geplante Kampagne zum Thema „Toter Winkel“ sind erste Erfolge. Auf diesem guten Wege werden wir weiter machen und uns von solchen Kommentaren nicht verunsichern lassen.

Wir haben uns gefreut, dass uns ein Leserbrief dazu in Kopie zugegangen ist – und den wir gerne dokumentieren. Abgeschickt wurde er von Herr Nießen, einem Aktiven aus den Radsportvereinen:

Mit Erstaunen und einer gewissen Verärgerung habe ich den Kommentar von Achim Schiffer im Super Sonntag v. 15. Oktober gelesen. Thema mal wieder: „Die rüpelhaften Radfahrer“! Der Kommentar hätte von der Autofahrerlobby nicht besser geschrieben werden können. Das aufgeführte Fehlverhalten von Radfahrern (gegen die Einbahnstraße fahren; auf Gehwegen rasen, an parklückesuchenden Autos rücksichtslos vorbeiquetschen,…) toleriere ich absolut nicht. Die im Kommentar verwendeten Formulierungen sind aber nicht geeignet die geforderte Rücksichtnahme aller Teilnehmer am Straßenverkehr (§ 1 StVO) zu fördern.
Nach meiner Beobachtung handelt es sich aber bei den aufgeführten Verstößen „nur“ um Einzelfälle. Die weitaus überwiegende Mehrheit der Radfahrer verhält sich, wie auch die große Mehrheit der Autofahrer, den Verkehrsvorschriften entsprechend. Allerdings stelle ich auch fest, dass meist jüngere Leute durch das geschilderte Verhalten negativ zum Image aller Fahrradfahrer beitragen. Das ist übrigens bei den Autofahrern nicht wesentlich anders, auch hier sind es meist die jungen Leute, die die Verkehrsvorschriften „zu ihrem Vorteil auslegen“ bzw. diese ganz ignorieren. M.E. resultiert hieraus allerdings ein wesentlich höheres Gefährdungspotenzial, allein schon aufgrund der höheren Geschwindigkeit der Autos. Auch ist es so, dass etliche Autofahrer die Radfahrer im Straßenverkehr als Hindernis für das eigene Vorankommen ansehen. So ist mir vor einigen Wochen ein Leserbrief aufgefallen (im Zusammenhang mit dem Anlegen der Schutzstreifen in der Kölnstraße), wo gefordert wurde, Radfahrer ganz aus der Kölnstraße zu verbannen, „da sie da nicht hingehören“.
Ich nehme sowohl als Fußgänger, als Radfahrer und auch als Autofahrer am Straßenverkehr teil und kenne somit auch die unterschiedlichen Perspektiven sehr gut.
Übrigens; den von Achim Schiffer geforderten Knigge für Radfahrer gibt es schon lange; dieser heißt Straßenverkehrsordnung und gilt für alle Verkehrsteilnehmer. (Herr Nießen)

Claudia Veiht schreibt dazu:
Als ich den Kommentar von Herrn Schiffer gelesen habe , war ich empört und mir wurde einiges klar: Bei der Berichterstattung  über Verkehrspolitik, die die Interessen der Radfahrer berührt, unterliegt die Presse einem seltsamen Automatismus:  Anstelle schlicht  zu berichten und das Thema zu erläutern,  weist die Presse darauf hin, dass es Radfahrer gibt, die sich nicht regelkonform  verhalten. Im Gegensatz dazu, bei der Berichterstattung über verkehrspolitische Themen, die eher die Interessen des individuellen Kraftverkehrs betreffen, wie z. B. der Bau von Umgehungsstraßen oder der Bau von Parkhäusern, funktioniert ein ähnlicher  Automatismus  nicht. In diesem Zusammenhang wird nicht über Kraftfahrer berichtet, die die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschreiten, falsch parken oder Vorfahrt missachten.
„ Sicherlich ist es schön, sich um die Sicherheit von Radfahrern zu kümmern….Allerdings könnten die Radfahrer auch selbst etwas für ihre Sicherheit und Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer  tun….“
Die Radfahrer, um die es bei der Aktion „ Vorsicht Toter Winkel“ ging und tödlich verunglückten oder in lebensbedrohliche  Gefahr gerieten, hatten sich alle den Regeln entsprechend verhalten!!!!
Sich um die Sicherheit von Radfahrer zu kümmern rettet Leben! Der „Tote Winkel“ ist eine extrem gefährliche Situation für Radler (und auch Fußgänger!) und die Verkehrsplaner müssen hier aktiv werden. An der Kreuzung  Kölnstraße , Hohenzollernstraße verunglückte in diesem Jahr 1 Radfahrer schuldlos im toten Winkel eines LKWS (!) und konnte sich nur mit Glück, Geistesgegenwart und Geschick retten. Vor einigen Jahren starb hier eine Radfahrerin die sich an die Regeln hielt , aber im toten Winkel übersehen wurde. Darauf in wurde die Verkehrsführung an dieser Stelle verbessert. An der Kreuzung  Lagerstraße verunglückte ein älterer Mann schuldlos  (!) auch aus der Situation „Toter Winkel“ und verstarb. Hier wurde bis heute von den zuständigen Behörden nichts getan um die Situation zu entschärfen.
Alle Radfahrer hatten sich regelkonform verhalten und ich finde es ist  absolut respektlos  und sogar zynisch in solchen Zusammenhängen auf das Fehlverhalten anderer Radfahrern zu verweisen. Zumal das Fehlverhalten, das Herr Schiffer beschreibt,  speziell die Situation in der Straße Am Kaiserplatz, vor dem Redaktionsbüro, wiederspiegelt und an den konkreten Brennpunkten, um die es in der Sitzung  ging, ganz andere Situationen entstehen.
Es ist nicht nur „schön“, wenn sich jemand um die Sicherheit im Straßenverkehr kümmert, es ist die Aufgabe der Verkehrsplanung!!!
1997 hat der Gesetzgeber die Straßenverkehrsordnung, besonders im Hinblick auf den Radverkehr, mit der sogenannten Fahrradnovelle, erneuert. Das, was dort vorgesehen ist, ist bis heute nur an wenigen Stellen in Düren umgesetzt worden. Die Stadt hinkt den Forderungen des Gesetzgebers weit hinterher, und besonders die Sicherheit des Radverkehrs ist davon betroffen.